Nun gilt es ernst mit der Lehrstellensuche

Wer für 2017 einen der begehrten Ausbildungsplätze will, sollte sich jetzt auf die Socken machen

HANSUELI SCHÖCHLI

Der August ist ein Fixpunkt im Schwei- zer Lehrstellenmarkt. Viele Auszubil- dende treten in diesem Monat in den Arbeitsmarkt ein. Und wer für 2017 eine Lehrstelle sucht, sieht nun auf den ein- schlägigen Lehrstellenportalen Ange- bote aufgeschaltet. «Einschlägig» ist zu- nächst vor allem das behördliche Portal des Lehrstellennachweises (Lena). Auf diesem Portal schalten die Kantone die von den Betrieben gemeldeten offenen Lehrstellen im August oder spätestens Anfang September auf. Laut groben Schätzungen dürften etwa 70% bis 90% der rund 80 000 offerierten Lehrstellen auf Lena erscheinen.

Keinen Vertrag mehr zur Publikation der Lena-Daten haben seit Anfang Juli die beiden privaten Lehrstellenportale

Yousty in Zürich (www.yousty.ch) und Gateway in Bern (www.gateway- junior.org). Die Kantone hatten den Ver- trag gekündigt – anscheinend wegen eines behördlichen Misstrauens gegen- über kommerziellen Lehrstellenportalen und wegen Kritik gewisser Lehrbetriebe an den Auftritten der Privatportale. You- sty hatte Anfang Jahr angedeutet, dass man ohne Vertrag mit den Behörden wieder in Eigenregie versuchen könnte, die Lehrstellendaten aus dem Netz abzu- fragen. Geschäftsführer Urs Casty äus- serte sich am Montag auf Anfrage dazu nicht konkret, betonte aber, dass Yousty weiterhin eine vollständige Publikation der Lehrstellenangebote anstrebe: «Wir führen mindestens so viele Lehrstellen auf wie Lena und haben detailliertere Angaben.» Gateway verzichtet laut Ge- schäftsführer Adrian Krebs auf das «Ab-

saugen» von Lehrstellendaten aus dem Internet. Das Unternehmen hat gemäss Krebs die gut 10 000 Lehrbetriebe, mit denen man in Kontakt stehe, angeschrie- ben; von diesen Betrieben hätten nur 35 erklärt, sie wollten offene Lehrstellen für 2017 oder generell nicht mehr auf Gate- way publiziert sehen. So sind derzeit auf Gateway laut Krebs etwa 17 000 offene Lehrstellen aufgeführt. Ein Lehrstellen- portal führt auch die Thalwiler Jobchan- nel AG (lehr-stelle.ch). Die dort aufge- führten Stellen sind gemäss Firmenanga- ben von den Websites der Lehrbetriebe abgesaugt.

Die Behörden haben noch nicht ent- schieden, wie sie künftig mit den priva- ten Lehrstellenportalen umgehen wol- len. Die Frage der Zulässigkeit des Ab- saugens von Lehrstellendaten aus dem Internet werde demnächst nochmals

thematisiert, sagt Chester Romanutti von der zuständigen Fachagentur der kantonalen Erziehungsdirektoren. Auch die Suche nach einer generellen Lösung im Umgang mit den Privatportalen ist noch Gegenstand von Überlegungen der Behörden. «Diesen Herbst werden die Kantone über Vorschläge diskutieren», sagt Romanutti. Als eine der möglichen Lösungsvarianten gilt, dass die Lehr- betriebe bei der Meldung offener Stellen an die Kantone eine Zusatzangabe machen, mit welcher sie die Weitergabe ihrer Daten an andere Lehrstellenpor- tale gutheissen oder ablehnen können.

Für 2016 standen Angeboten für rund 79 000 Lehrstellen «nur» etwa 66 000 interessierte Jugendliche gegen- über. Drei Jahre zuvor lagen Angebot und Nachfrage noch bei je knapp 80 000. Die Demografie könnte auch in den kommenden Jahren zu einem «Über- angebot» an Lehrstellen führen. Doch bei Lehrstellen in populären Berufen (wie etwa KV oder Informatik) kann das Bild anders aussehen. Bei solchen Lehrstellen geschieht die Rekrutierung für das Folgejahr laut Beobachtern oft schon von August bis Oktober, und im Spätherbst sind viele der Stellen ver- geben.

Für Lehren per 2016 erhielten die Unternehmen im Mittel zehn Bewer- bungen pro Lehrstelle. Wer für einen be- stimmten Beruf geeignet sei, bekomme nach fünf bis zehn Bewerbungen typi- scherweise mehrere Gesprächseinla- dungen, sagt Yousty-Geschäftsführer Urs Casty. Doch wenn man nach zehn Bewerbungen zehn rasche Absagen er- halten habe, «stimmt in der Regel etwas mit der Eignung nicht».

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Freitag 16. August 2016