In Ausbildung und schon Filialleiter

Zwei Wochen lang führen Lernende praktisch allein eine Migros-Filiale. Wie kommen sie mit ungewohnten Fragen zurecht? Und was bringt ein solches Projekt überhaupt?

Pero Jakovic und Lorint Metaj sind gerade dabei, eine Lieferung entgegenzunehmen und im Lager zu verstauen. Die beiden wirken sicher, in dem was sie machen, wissen, wo was hingehört. Im Laden schaut derweil André Silva Santos im Non-Food-Bereich nach dem Rechten. Wo braucht es noch mehr Produkte, muss noch etwas bestellt werden? Auch bei den etwas ungewöhnlicheren Fragen der Undercover-Kundin lässt sich der Mi­gros-Mitarbeiter nicht aus der Ruhe bringen. Santos erklärt geduldig den Unterschied der verschiedenen Strümpfe im Sortiment. «Wenn Sie weitere Fragen haben, bin ich gleich um die Ecke», sagt er hilfsbereit.

Auf den ersten Blick wirken die ganzen Abläufe in der Migros-Filiale in Bremgarten also wie jene, denen man in allen anderen Läden des Grossverteilers auch tagtäglich begegnen könnte. Erst beim zweiten Hinschauen fällt auf, dass fast alle Mitarbeiter in Bremgarten äusserst jung sind.

Erstes Projekt der Migros Aare

Tatsächlich schmeissen in dieser und letzter Woche 16 Lehrlinge aus der Region Bern den Laden. Nachdem bereits andere Betriebe wie die SBB oder die Post Aktionen mit Lehrlingen schon einige Jahre durchführen, hat nun auch die Migros Aare zum ersten Mal ein Projekt auf die Beine gestellt, das den Auszubildenden Einblick in die Führungsetagen einer Filiale geben soll.

«Bremgarten wurde ausgewählt, weil wir ein nicht allzu grosses Geschäft sind und bei uns trotzdem alle Bereiche vertreten sind», erklärt die Filialleiterin Ana-Elena Soler. Damit meint sie, dass der Laden neben Lebensmitteln, Haushaltsartikeln und Textilien sowohl über eine bediente Fleischtheke wie auch über ein Blumensortiment verfügt. «Deshalb eignete sich diese Filiale besonders für das Projekt», sagt Soler.

Zuerst wenig Bewerbungen

Die Lernenden mussten sich für die zwei Wochen in Bremgarten bewerben, ein gutes Semesterzeugnis war erforderlich, damit sie für die Führung des Ladens ­infrage kamen. «Erstaunlicherweise haben wir nach der ersten Ausschreibung relativ wenige ­Bewerbungen erhalten, obwohl ­viele Lehrlinge gute Zeugnisse haben», sagt Ana-Elena Soler. Es könne sein, dass sich viele Jugendliche noch nicht richtig trauen würden, so viel Verantwortung zu übernehmen. Ausserdem sei das Projekt neu. «Wir wollen den Lernenden aufzeigen, welche Aufstiegsmöglichkeiten es bei der Migros gibt, und sie motivieren, in der Lehre Gas zu geben», führt sie aus.

Stolz auf die Bezeichnung

Gas geben die Lernenden, die sich für die Aktion gemeldet haben, tatsächlich. «Es hat mich gereizt, dass ich etwas Neues zu sehen bekomme, deshalb habe ich mich beworben», sagt André Silva Santos. Es gefällt dem Lehrling, dass er mehr Verantwortung hat als sonst und den ganzen Umfang in seinem Rayon kennen lernt. «Die Lieferungen, die ich koordinieren und managen muss, sind riesig», sagt er lachend. Sogar die wöchentliche Sitzung darf der Lehrling mitgestalten und den anderen die Zahlen der letzten Tage erläutern. Filialleiterin Soler hält sich im Hintergrund und hört nur zu.

Auch Pero Jakovic würde das Projekt weiterempfehlen. «So etwas sollten alle Auszubildenden einmal gemacht haben», sagt der Lernende, der sich in dieser ­Woche sogar Marktleiter nennen darf. «Klar, ich bin stolz, dass diese Bezeichnung auf meinem Namensschild steht.» Den Respekt vor der Aufgabe habe er aber auch in der zweiten Woche nicht verloren. «Manchmal habe ich immer noch ein bisschen Angst vor so viel Verantwortung», meint Jakovic mit einem Schmunzeln.

Mit den Kundinnen und Kunden haben die Lehrlinge gute ­Erfahrungen gemacht. «Auch die Gleichaltrigen respektieren uns», sagen sie. Es sei nur manchmal etwas ungewohnt, wenn sie ihnen eine Auskunft geben, aber daran gewöhne man sich schnell.

Wiederholung erwünscht

«Ich würde ein solches Projekt gerne wieder durchführen», sagt die Filialleiterin. Dann könnte sie gleichzeitig auch ein paar Sachen verbessern. «Zwei Wochen sind halt schon kurz», so Ana-Elena Soler. Das sagt auch Christoph Düby vom Berufsbildungsamt Bern (siehe Box). Die Chefin hat aber auch in der kurzen Zeit das Potenzial der Jugendlichen gesehen. «Auf solche Jungen müssen wir setzen und zu ihnen schauen, damit sie dem Unternehmen erhalten bleiben.» (Berner Zeitung)

Quelle: bernerzeitung.ch