Heikle Jagd nach den besten Lehrlingen

Schneller ist am Lehrstellenmarkt nicht immer besser

Die Lehrstellen in der Schweiz werden zum Teil «zu früh» vergeben. Absprachen zwischen den Lehrbetrieben wären ein Gegenmittel. Doch solche Absprachen scheitern oft.

HANSUELI SCHÖCHLI

Die Aktivitäten vieler Jugendlicher und Betriebe in Sachen Lehrstellen 2017 kommen seit diesem Monat in die inten- sive Phase. Vor allem populäre Lehrstel- len dürften in manchen Fällen innerhalb der nächsten drei Monate vergeben wer- den, obwohl die Lehrverhältnisse typi- scherweise erst in einem Jahr beginnen. Diverse Jugendliche hatten ihre Lehr- stelle sogar schon im Juli im Sack. Das klingt erfreulich für die Betroffenen, doch aus Sicht des Gesamtmarkts gilt hier nicht «je früher, desto besser».

Wenn gleichzeitig viele neue Schul- abgänger im Markt verfügbar werden, wäre es sinnvoll, dass sich die Arbeit- geber darauf einigen, nicht vor einem bestimmten Datum (zum Beispiel sechs oder neun Monate vor Stellenantritt) die Stellen zu vergeben. Das legen die Forschungen des US-Wirtschaftsprofes- sors Alvin Roth nahe, der für seine Arbeiten zum Design von Märkten den Nobelpreis erhielt. Ohne solche Ab- sprachen haben Arbeitgeber wie Stel- lensuchende ständig den Anreiz, «ein bisschen früher» zu sein als die Konkur- renz. Dadurch nimmt die Markttiefe ab, und die Paarungsquote sinkt. Schul- abgänger verpflichten sich zum Teil schon früh, ohne alle Alternativen zu kennen und die eigenen Vorlieben ge- nau ausgelotet zu haben. Und die Arbeitgeber haben in einem frühen Zeitpunkt noch relativ wenig Informa- tionen über die Kandidaten.

Vom Versuch zum Scheitern

Roth hatte nicht den Lehrstellenmarkt im Auge, sondern Märkte für Studien- abgänger, die etwa in Spitälern oder Ge- richten Praktikumsstellen suchten. Ver- suche zu Absprachen der Arbeitgeber in Sachen frühestem Termin der Stellen- vergabe seien regelmässig gescheitert, weil Beteiligte jeweils den Anreiz zum Vorpreschen hatten, schildert Roth in seinem jüngsten Buch.

Ähnliches spielte sich im Schweizer Lehrstellenmarkt ab. Versuche zu Ab- sprachen gab es in vielen Kantonen, manche sind gescheitert. Die bekann- teste Absprache entsprang 1989 der Zür- cher Gesellschaft für Personal-Manage- ment (ZGP); demnach sollten Lehr- betriebe mit der Rekrutierung nicht vor Anfang November starten. Bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre habe die Vereinbarung grundsätzlich gut funktio- niert, doch im Lauf der Zeit «wollten immer mehr Betriebe eine Verände- rung», sagt Jürg Stiefel, Leiter der zu- ständigen Erfahrungsgruppe der ZGP.

2013 kam eine sanftere Variante – mit einer von der ZGP und vom Kanton unterstützten Empfehlung, nicht vor dem 1. September mit der Rekrutierung zu beginnen. Laut Stiefel scheinen sich die meisten Betriebe daran zu halten. Aus Sicht der Berufsberatung sei ein späterer Termin wünschbar, aber man habe sich den Realitäten beugen müssen

und könne die Nachfolgeregelung als gutenKompromisswerten,sagtAndre ́ Monhart vom kantonalen Amt für Jugend- und Berufsberatung.

Auch die Schüler sind früh

Auch in anderen Regionen gibt es ähn- liche Empfehlungen. Der Arbeitgeber- verband Rheintal zum Beispiel listet knapp 160 Betriebe auf, die gelobten, nicht vor Anfang September Lehrstel- len zu vergeben. Der Kanton Bern emp- fiehlt noch, vor den Herbstferien keine Bewerbungsgespräche zu führen, doch das Thema werde nicht aktiv bewirt- schaftet. Man stelle fest, «dass viele Fir- men früh beginnen», sagt der Kanton.

Auch viele Schüler beginnen früh. Gemäss nationalem Lehrstellenbaro- meter 2016 hatte sich rund ein Drittel der Stellensuchenden schon vor den Sommerferien 2015 erstmals beworben. Graubereiche sind unvermeidlich. So sind Schnupperlehren schon im 8. Schul- jahr für Jugendliche sinnvoll – gleich- zeitig sind Schnupperlehren oft wichtig für die Selektion durch die Betriebe.

Parlamentarier in mehreren Kanto- nen und im Bund haben wiederholt ge- setzliche Leitplanken zur zeitlichen Lehrstellenvergabe angeregt. Doch mehrheitsfähig waren bisher solche Ein- schränkungen der Vertragsfreiheit ver- ständlicherweise nicht.

Immerhin geht auch in den populä- ren Berufen nicht alles sofort weg. So waren im April 2016 in den Branchen mit den höchsten Vergabequoten noch etwa 15% bis 25% der Lehrstellen für 2016 offen. Der derzeitige Rückgang in der Zahl der Schulabgänger mag für die Betriebe den Anreiz zur frühen Jagd nach den «besten» Lehrlingen verstär- ken. Gemäss Bund dürfte der Tiefpunkt in der Zahl der Schulabgänger 2018/19 erreicht sein. Danach ist wieder mit einer Zunahme zu rechnen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Freitag 19. August 2016